...barfuß unter der Erde...

 

Eine Novelle.

 

 

"Ich habe sehr lange in Köln gelebt. Da ich dort tagsüber nicht viel arbeiten musste und immer nur abends im Restaurant war, hatte ich viel Zeit. Mein kleines Restaurant hieß „Lüttiche Ecke“. Das Geschäft lief nicht gut. Ich machte lange Spaziergänge. Am liebsten habe ich mir Kirchen angesehen. Vor ein paar Monaten war ich noch einmal in Köln und dort mit Esther in einer Kirche. In meiner Lieblingskirche. Sankt Maria im Kapitol. Es ist eine sehr große romanische Kirche. In ihrer nordöstlichen Kapelle hängt das Crucifixus Dolorosus. Ein Gabelkreuz. Eine ganz besondere Darstellung von Christus, wie es sie bis dahin noch nie gab. 

 

Mich hat der Ausdruck dieses Christus fasziniert. In seinem Gesicht sieht man Todesqualen. Sein Tod trat durch Ersticken und Erschöpfung ein. Ein besonders qualvoller Tod.

 

Diese Darstellung Jesu unterscheidet sich von allen anderen Darstellungen. Sie entstand im vierzehnten Jahrhundert. Jesus hängt an erhobenen Armen, nicht seitwärts gestreckt. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, hässlich und leidend. Ich mag es mir fast nicht ansehen und doch löst der Ausdruck eine gewisse Faszination in mir aus, ich kann den Blick nicht von ihm wenden. Eine derart zwingende Faszination, immer wieder kehre ich dorthin zurück, um mir die Qual Jesu anzusehen. Und diesen besonderen Ausdruck wollte ich Esther zeigen.

 

Es hat vor kurzem ein italienischer Archäologe herausgefunden, dass Jesus  nicht an einem T-förmigen Kreuz gestorben ist, sondern am Y-förmigen Kreuz. Allerdings müssten die Christen ihr zentrales Glaubenssymbol ändern."

 

--- A.W.